Texte und Tee – Anni Bürkl

Autorin – Lektorin – Schreibtrainerin

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Historische Romane

„Das Leben wie sie es liebten“:

Inhalt:

1938 – Die junge Loretta und ihr Mann Marek therapieren Nervenkranke im Sanatorium ihres Vaters im sudetenländischen Reichenberg (Liberec, Tschechien). Dem Anschluss ans Deutsche Reich folgen der Krieg und später die Vertreibung. Doch während Loretta fliehen kann, verliert sie Marek aus den Augen.

1946 – Im ausgebombten Wien lebt Loretta bei ihrer Tante Emmy. Auch die vor ihrem Mann geflohene Paula und deren Tochter Irene sowie die schweigsame Ingrid haben in der Wohnung Unterschlupf gefunden. Oft bekommen sie Besuch von der lebenslustigen Ursula. Gemeinsam teilen die fünf sehr unterschiedlichen Frauen ihren Alltag, in der Not auch ihr Essen, das Nötigste zum Leben und ihre Sorgen, denn wie Loretta sucht Ursula ihren Mann.
Gemeinsam wenden sie sich an die russischen Besatzer und finden einen Unterstützer in Major Artjom. Doch da ist auch Ingrids neuer Liebhaber – ein amerikanischer Offizier –, den Loretta nun für den Russen bespitzeln soll. Während sie hofft, so ihren Marek wiederzufinden, kommen auch andere vermeintlich im Sudetenland verschollene Geheimnisse ans Licht.

„Das Leben wie sie es liebten“ ist der Auftakt zu drei Romanen über die bindende Kraft der Liebe im Leben dieser Frauen und ihrer Kinder – in einem Jahrhundert voll politischer Zerrissenheit.

ab 21. Mai 2021 als Hardcover und Taschenbuch:  EPUBLI & Amazon.Ebook: Kindle & Tolino.

Presse/Berichte/Rezensionen:

Im Booktalk bei Saskia und MadameMelli.

Annis Bücherliebe

Seitenreise

Wasliestdu

Triggerwarnungen: häusliche Gewalt, Krieg, Hunger, Flucht, Mord

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Leseprobe


Anni Bürkl
Das Leben wie sie es liebten
Roman


„Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wussten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder unser ganzes Leben.“
Anna Seghers, Transit 

 

 


Prolog
 
Marek, endlich!
Endlich bist du wieder da.
Ihre Wange an seiner.
Ihre Finger an seinem Hals.
Kein Zittern. Kein Frieren. Wärme. Endlich Wärme. Seine lebendige Haut. Sein warmer Atem an ihrer Wange. Die vertraute Form seines Schlüsselbeins. Der Geruch seines Körpers.
Tock-tock.
Stiefeltritte.
Gewehre.
Die Mündungen auf sie gerichtet.
Auf sie beide.
Auseinander!
Marek!!!
Ihm nach.
Ihn nicht gehen lassen.
Die Gewehre.
Auseinander!
Marek schon so weit weg.
Schüsse.
Stiefeltritte.
Tock-tock-tock.
Sie fiel …
Tock-tock … 

 
1. Kapitel
Wien, 1946
Loretta
Tock-tock …
Sie fiel, fiel … fiel.
Ein graues Gesicht über ihr.
Es bewegte die Lippen.
Loretta drehte den Kopf zur Seite, sodass sie mit dem anderen Ohr hören konnte, dem besseren.
„Wieso sitzt du hinter der Tür?“
Hinter der Tür?
Verwirrt sah sie sich um.
Eine dreckig weiße, feuchte Mauer.
Kalter Luftzug.
„Loretta?“
Tante Emmy. Die Stirn gerunzelt.
Ach ja, sie lebte jetzt bei ihr. Jeden Tag beim Aufwachen war Loretta einen herrlichen Moment lang wieder zuhause, zuhause in Reichenberg. Bei Marek und ihren Eltern.
„Kind, du schreist das ganze Haus zusammen!“
„Entschuldige.“
„Was sollen die Nachbarn denken?“
Loretta blickte an sich hinab. Sie trug ihren Pyjama. Darüber den dicken Pullover. Wie immer. Das riesige, kahle Zimmer. Ihr Zimmer, seit neuestem. Seit Tante Emmy sie zu sich geholt hatte. Zumindest ein Raum für sich alleine, immerhin etwas. Eisluft vom Fenster mit der Pappe drin statt der Glasscheiben.
Vorsichtig stand sie auf. Was war passiert? War sie im Schlaf hier herüber getappt? Traumfetzen flogen wie vom Sturm getriebene Wolken durch ihren Kopf. Gewitterluft. Marek, immer träumte sie von Marek.
Sie nahm die Matratze wahr, die zerknautschte Decke darauf. Schaudernd schlüpfte sie in ihre ausgetretenen Straßenschuhe, andere hatte sie nicht. Nichts hatte sie, so gut wie nichts. Weil sie kaum etwas hatte mitbringen dürfen. Einen fadenscheinigen, früher einmal rosa Bademantel, der noch ein wenig nach der Rosenseife duftete, die sie früher verwendet hatte. Den zog sie über Pyjama und Pullover. Sie tappte zur Küche, das Tock-tock-tock von Emmys Stock folgte ihr. Im Flur bestand der Boden aus nacktem Estrich, die Holzdielen waren herausgerissen worden, vermutlich zum Heizen, aber da hatte Loretta noch nicht hier gewohnt.
„Und jetzt willst du etwas essen, stimmt‘s?“, kam die Stimme von Tante Emmy.
„Muss ja.“
„Wir haben aber nichts“, sagte Tante Emmy besorgt.
Loretta sah sich in der Küche um. Starrte die zwei verbeulten Blechlöffel und die drei Steingutschüsseln an, die auf der Anrichte standen. Ihr fiel das teure Porzellan ein, aus der Wiener Augarten-Manufaktur. Tante Emmy hatte es ihr zur Hochzeit mit Marek nach Reichenberg geschickt. Wer weiß, wer jetzt daraus aß und trank. Wenn es nicht überhaupt zu Bruch gegangen war.
Die im Schatten liegenden Gesichter verfolgten sie, dunkel, hart, griffen nach ihr, umwehten sie mit ihren unangenehmen Gerüchen.
Loretta stützte sich keuchend mit beiden Händen auf. Erleichterung war etwas anderes. Und die Erinnerung an die Nacht kam auch nicht zurück.
„Tante, ich weiß auch nicht, was wir noch tun können.“
„Natürlich, Loretta“, sagte Emmy sanfter. „Ich will dich halt nicht auch noch verlieren. Du bist die einzige von der Familie, die mir geblieben ist.“
Marek, wollte Loretta sagen, Marek ist nicht tot.
Aber ihre Tante kannte Lorettas Ehemann gar nicht.
Im selben Moment läutete es an der Tür.
Die Post! Elektrisierend schoss der Gedanke durch Loretta hindurch.
Marek! Eine Nachricht über ihn! Oder gar von ihm selbst!
Loretta flog fast zur Tür.
Tante Emmy schalt irgendetwas und humpelte ihr nach.
Tock-tock-tock.
Loretta öffnete.
„Bist du wahnsinnig!“, hauchte Emmy in ihrem Nacken.
Tock.
„Einfach öffnen in diesen Zeiten! Das kann sonstwer sein!“
Tock-tock.
„Guten Tag, Wohnungsamt.“ Ein mondgesichtiger Mann und eine farblose Frau, beide in beigen fadenscheinigen Mänteln, standen draußen.
Loretta grüßte höflich.
Der Mann zeigte eine Legitimationskarte vor.
„Wir haben keinen Platz“, schimpfte Emmy hinter Loretta. „Und überhaupt, das kann ja jeder behaupten.“
Tock.
Die beiden draußen sahen sich an. Eisige Zugluft fuhr herein. War wohl wieder einmal das Haustor offen geblieben.
Loretta öffnete die Tür weiter und ließ die beiden ein.
„Sind Sie die Wohnungsinhaberin?“
„Nein, das ist meine Tante.“
„Emma Kraft“, sagte die Tante vorwurfsvoll, als müsse jeder sie mit Namen kennen, weil Professor Kraft ihr verstorbener Mann war.
„Grüß Gott, Frau Kraft. Wir müssen uns umsehen“, erklärte der Mann freundlich, aber bestimmt. „Bestandsaufnahme. Sie wissen ja um die Wohnungsnot, zu viele Häuser sind seit den Bombardierungen nicht mehr nutzbar. Ein Haufen Menschen ist deswegen obdachlos, manche sogar heimatlos.“
Als ob Loretta das nicht wüßte!
„Die brauchen eine Unterkunft und wir prüfen, wo es noch Platz gibt.“
„Meine Nichte soll das machen“, befahl die Tante. „Sie kann Ihnen alles Nötige sagen.“
Konzentriert wandte Loretta den Beamten ihr gutes Ohr zu.
„Wie viele Menschen leben denn hier?“ Der Mann hatte einen Block und einen Stift aus einer abgewetzten, ledernen Aktentasche geholt.
„Meine Tante. Und ich“, erklärte Loretta.
„Nur Sie beide?“ Der Blick des Mannes glitt zu Lorettas Hand. Selbst seine Augen waren farblos.
„Ich bin verheiratet.“ Loretta musste schlucken, als sie ihren Ehering berührte, einen dünnen Reif, vergoldetes Silber. „Mein Mann … ist derzeit nicht da. Er kommt sicher bald.“
„Tut mir leid, Frau …?“
„Patzak.“
„Gut, Frau Patzak. Und Ihre Tante …?“
„Verwitwet.“
„Zeigen Sie uns doch bitte die Räume.“
„In Ordnung.“ Loretta führte die beiden durch den Flur, das Tock-Tock ihrer Tante folgte ihnen wieder. Sie öffnete die Tür mit dem weißem, halb abgeblättertem Lack zum Schlafzimmer ihrer Tante. Drinnen war es viel wärmer als im Flur. Allerdings roch es abgestanden. Lüften hatte ihre Tante nicht so gern, weil es dann kalt hereinkam. Es war der einzige Raum, bei dem alle Fenster verglast waren. Wenn es etwas zu heizen gab, wurde zuerst der Ofen im Zimmer ihrer Tante befeuert.
Gegenüber lag das AKH, das Allgemeine Krankenhaus, wo Lorettas verstorbener Onkel Emil gearbeitet hatte. Die Fenster gingen zum Narrenturm, einem alten Irrenhaus aus Zeiten der Monarchie. Und ihre Tante besaß noch ein richtiges Doppelbett mit kuschelig aussehenden Daunendecken und zwei Nachtkästchen. Eine kleine Lampe stand auf dem einen, daneben ein altes Familienfoto. Zwei kleine Bilder hingen an der Wand, ein kitschiges Landschaftsgemälde und ein Heiligenbild mit Engerln mit verzerrten Gesichtern. Und über allem schwebte ein Hauch Maiglöckchenduft, den die Tante irgendwie ins Heute gerettet hatte.
Als nächstes führte Loretta frierend ihr derzeitiges Zimmer vor. Wozu sollte sie etwas dekorieren, sie würde doch nicht bleiben. Das hier war nur vorübergehend.
Die beiden Beamten folgten und machten Notizen.
Als nächstes das Wohnzimmer. Der Raum war relativ intakt. Eine Couch, ein Wandschrank, darauf ein kleines weißes Spitzendeckerl wie eine Erinnerung an eine alte, lang versunkene Zeit. Allerdings waren auch hier die Fenster nur mit Pappe verschlossen.
„Aha. Und was befindet sich dort?“ Der Beamte zeigte mit schmalem Finger auf eine niedrige Tür im Flur.
„Nur das Dienstbotenzimmer.“ Tante Emmy war ihnen gefolgt mit ihrem üblichen Tock-Tock. In Lorettas Kopf begann es zu sirren.
„Drei ein halb Zimmer Bel Etage“, murmelte die Beamtin. „Nobel.“
„Also lebt doch noch jemand mit Ihnen hier?“, fragte der Beamte jetzt sehr streng.
„Nein. Wir nennen den Raum nur so. Jetzt steht es, nun ja, es steht leer.“
Der Beamte machte sich eine Notiz, während seine Kollegin den schmalen, intakten Raum betrat. Die Wohnung war nicht von Bomben getroffen worden, nur einen Wasserschaden gab es. Loretta wies zur Wand im Flur, wo geplatzte Leitungen ihre Spuren hinterlassen hatten.
Die Beamtin ging hin und berührte die vergilbte Mauer mit den Flecken. Irgendwann würden sie hoffentlich ganz trocknen. Wenn es wärmer würde.
Der Mann schrieb. Loretta zog den Bademantel enger. Ihre Zähne klapperten. Am liebsten hätte sie sich wieder hingelegt. Sich in die Decke wickeln, das war noch das Wärmste. Aber dann kämen wieder die Träume …
„Gut, Sie werden wohl ein bis zwei Mitbewohner bekommen.“
„Aber das geht nicht.“
Tock.
„Tut mir leid, Frau Kraft, aber so ist die Regelung. Das sogenannte Dienstbotenzimmer steht leer. Und das Wohnzimmer … nun, pro Person ein Zimmer muss im Moment reichen. So sind die gesetzlichen Vorgaben. Andere haben nicht einmal das.“
Tante Emmy blieb mit mürrischer Miene stehen, als sich die Beamten verabschiedeten. Die Wohnungstür klappte hinter ihnen zu. Tante Emmy sperrte gründlich ab wie immer. Gerade so, als ob man damit alles Unerwünschte aussperren könnte.
Aber jetzt musste sie endlich los. Loretta zog auf dem Weg zu ihrem Zimmer den Schlafrock aus, wechselte die Kleidung. Sie wählte ihren noch einigermaßen guten Wollrock, eine von zwei Blusen, die sie besaß, leider denselben Pullover, x-mal geflickte Strümpfe und ihre einzigen Schuhe – und verließ das Haus. Es war eisig, aber das war sie Marek schuldig. Sie war ohnehin spät dran für ihre tägliche Runde. Beim Roten Kreuz nachfragen, ob es Nachrichten gab, die Zeitungen nach Suchanzeigen durchsehen, am Bahnhof nach ihm oder einer Nachricht Ausschau halten. Auch von den Freundinnen von früher. Vermutlich waren sie in alle Winde zerstreut, Lenka, Gloria und sie selbst. Lebensmittel finden und was zum Heizen auftreiben sollte sie auch. Hoffentlich klappte diesmal etwas davon.
2. Kapitel
Wien, 1946
Loretta
„Bringen Sie Post für mich?“
Loretta legte ihre ganze Hoffnung in diesen Satz. Endlich schien wieder die Sonne, der Himmel war strahlend blau. Als schenkte er ihr dieses Vertrauen, dieses Gefühl, davonzukommen.
„Sie sind die Frau …?“ Die Briefträgerin in ihrer Uniform kam Loretta bekannt vor, aber vielleicht täuschte sie sich. Alles ging noch durcheinander. So vieles hatte sich verändert. So sehr verändert. Ihr war, als hinke sie sich selbst hinterher, als hätte sie sich noch nicht eingeholt. Oder als liefe sie sich davon, ihrem Leben, dem jetzigen Leben.
Sie nannte ihren Namen.
Lange Finger blätterten mit geübten Bewegungen einen Stapel Briefe durch. Graue Umschläge aus billigem Papier, dazwischen eine Postkarte. Mit einem Landschaftsmotiv. Wie ungewöhnlich. Wer reiste denn heute noch einfach so?
„Nein, heute ist nichts für Sie dabei, Frau Patzak.“
Loretta schluckte. Schluckte an der neuerlichen Enttäuschung. Sah die Briefe in der Hand der Briefträgerin, hätte am liebsten die Hand danach ausgestreckt, sich einen davon angeeignet. Einen frohen. Einen voller Liebesworte.
„Tut mir leid.“ Die Briefträgerin blinzelte, während ein Sonnenstrahl sie von der Seite traf.
Loretta straffte die Schultern. „Haben Sie auch wirklich genau nachgesehen? Nichts überblättert?“
Die Briefträgerin nickte. „Natürlich.“ Sie blätterte die Kuverts der Reihe nach auf. „Schauen Sie, Frau Patzak.“
„Ja, da kann man nichts machen.“
Die Energie war weg. Im schlechten Ohr rauschte es.
„Ein anderes Mal habe ich sicher wieder was für Sie!“
„Das sagen Sie so. Es ist …“
„… nicht leicht, ich weiß.“ Der Stapel Briefe wanderte von einer Hand in die andere, dann wurde er in die lederne Umhängtasche zurück gelegt. Samt der schönen Postkarte.
Auf dem Trümmergrundstück nebenan huschten Ratten umher. Zwei Kinder liefen einander lachend und dabei weiße Atemwölkchen ausstoßend nach. Loretta steckte die Hände in die Taschen ihres langen Mantels, eines der wenigen Stücke von früher, die sie hatte retten können, über alle Stationen hinweg. Der Stoff war ein wenig abgenutzt, wie auch nicht, aber das gute Stück wärmte immer noch. Ein bisschen zumindest. Wenigstens die äußerliche Kälte hielt er ab. Im Sonnenschein bewegte sich etwas. Ein Schatten zwischen den zerstörten Mauerteilen und Ziegeln, der näher zu kommen schien. Loretta wich zurück.
Weg hier, nur weg.
Schnell.
So schnell sie konnte.
Ihr Atem flog.
Sie taumelte. Streckte eine Hand aus, suchte Halt, fand ihn an einer Mauer. Keuchte. Zitterte. Rutschte und fiel. Wie peinlich!
„Frau Patzak, was machen Sie denn? Und Ihr schöner Mantel wird ganz schmutzig!“ Die Briefträgerin bückte sich über sie, ihre Locken fielen nach vor, umrahmten dieses so freundliche Gesicht.
„Was mach ich denn?“ Irritiert sah sich Loretta um. „Wo … wie …?“
„Ich bin es nur, Ursula. Die Briefträgerin.“
„Ach, Sie. Ja. Ja natürlich. Entschuldigung.“ Loretta erkannte wieder das Grundstück.
„Haben Sie sich erschreckt?“
„Ich … vermutlich. Der Geruch.“
„Es waren nur Kinder, Frau Patzak. Und Ratten.“ Ursula verzog das Gesicht.
Loretta spürte das Mitleid, wollte es nicht. Schnell wedelte sie mit einer Hand. „Liegt nur am Hunger“, murmelte sie. Sie rappelte sich hoch, ertastete die Mauer in ihrem Rücken, lehnte sich dagegen. Ging sicher gleich wieder. Musste ja. Besatzungssoldaten gingen vorüber, Amerikaner, musterten die Frauen. Und da drüben ihr Wohnhaus.
„Ja, Hunger ist schlimm.“ Ursula kramte in ihrer Tasche. Was ging sie nicht endlich? „Hier, ein Stück Brot. Viel ist es nicht und was Besonderes schon gar nicht, seit sie sogar Hafer und Maismehl reinmischen, aber ich hab ein kleines Stück Speck von daheim.“
„Das kann ich nicht annehmen. Sie brauchen es doch selbst! Sie haben sicher einen langen, anstrengenden Arbeitstag vor sich.“
„Bitte, essen Sie. Wenigstens einen Bissen. Oder zwei. Ja?“
Loretta zögerte. Alleine der Duft. Brot. Sie meinte es bereits auf der Zunge zu spüren, es zu schmecken, der Mund wurde ihr wässrig. Sie nahm das Brot, bedankte sich, zögerte, riss ein Stück mit den Fingern ab, es zerbröckelte fast, sie steckte es in den Mund und kaute. Eine dünne Scheibe Speck lag daneben, die stopfte sie sich auch in den Mund. Schluckte. Würgte an dem Bissen herum. Wann hatte sie das letzte Mal etwas gegessen? Keine Erinnerung. Sie musste husten, vorsichtig, damit sie nichts ausspuckte, kaute dann weiter und schluckte. Schließlich gab sie den Rest zurück. Sie bedankte sich ein weiteres Mal.
„Jede von uns würde umfallen, wenn sie Hunger hat. Soll ich Ihnen aufhelfen?“ Die Briefträgerin bückte sich und streckte eine Hand aus. „Oder wollen Sie sich noch kurz ausrasten?“
Loretta rang nach Luft, als würde das helfen. Als würde das irgendwas wieder heil machen. Sie tastete nach Halt an der Wand, spürte den Staub und stand langsam auf.
„Sie klingen fremd, Sie sind nicht von hier, oder?“
„Nein, ich … ich komme aus Reichenberg.“
„Reichenberg?“
„Reichenberg. Die stolze Hauptstadt des Sudetengaus. Früher haben die Nazis die Stadt so genannt. Liegt im Norden der Tschechoslowakei. Fast schon in Deutschland.“
„Dann erwarten Sie wohl Post von zuhause?“, wollte die Briefträgerin wissen.
Loretta starrte an der Anderen vorbei. Ein Kohlenkarren fuhr holpernd vorbei, ein paar Buben liefen ihm nach, der Fahrer mit vor Ruß fast schwarzem Gesicht vertrieb sie. „Mir fladerts ihr nix!“, schimpfte er lautstark.
„Frau Patzak?“
„Entschuldigung. Ja, ich warte auf Post … von … meinem Mann.“
„Ist er denn noch in diesem Reichenberg?“
„Wollen Sie das wirklich wissen?“
„Ja.“
Die Sonne verschwand hinter Wolken. Kaltes Grau legte sich über alles. Das Trümmergrundstück lag verlassen da. Der Gestank ließ nach.
„Wissen Sie, ich … weiß, wie es Ihnen geht. Mein Josef wird an der Front vermisst.“
Loretta sah auf. „Wo denn?“
„Russland.“
„Auch die Russen also“, murmelte Loretta.
„Hier in Wien sind sie ebenso.“
„Ach ja.“
„Seien Sie froh, dass der 9. Bezirk hier amerikanisch besetzt ist.“
Loretta nickte. „Sie haben wenigstens einen Anhaltspunkt, wo Ihr Mann geblieben ist.“
„Sie nicht?“
Eine Uhr an der Ecke stand überraschenderweise noch und funktionierte sogar. Gut so, denn die Uhren waren alle gestohlen worden von den sowjetischen Soldaten. „Uhra, Uhra, nix Kultura“, schimpften viele.
„Nein. Wir … Marek und ich …“ Loretta straffte die Schultern, sah sich unwillkürlich um.
Aufrecht bleiben. Weitermachen.
„Nun, wir sind getrennt worden. Bei Kriegsende. Wir … mussten weg. Alle Deutschen mussten von dort weg.“
„Das stelle ich mir furchtbar vor. Ich vermisse ja schon die Tiroler Berge.“
„Kommen Sie von dort?“
„Ja.“ Die Briefträgerin lächelte.
Loretta strich sich die Haare aus dem Gesicht. „Es muss doch einen Weg geben, meinen Mann wiederzufinden! Und wenn ich hier bei den Russen frage.“
„Das ist aber … das kann gefährlich sein. Sie wissen, wie die sind.“
Marek! Nein!
„Ja, aber was bleibt mir noch? Ich habe Schlimmeres durchgestanden. Ich werde auch das überleben. Wo ist denn die russische … was weiß ich … Zentrale hier?“
„Im Hotel Imperial. Aber …“
„Was aber? Die können mich nicht abweisen. Ich habe ein Recht darauf, endlich zu erfahren, wo mein Mann ist.“
„Aber machen Sie das bitte nicht allein.“
„Ich muss ihn finden. Und dort herausholen. Wo auch immer er ist“, stieß Loretta hervor.
Aber vielleicht … vielleicht will Marek mich gar nicht mehr. Er ist Tscheche. Und ich bin Deutsche. Vielleicht ist alles anders, als ich denke. Wie habe ich es früher nur ohne ihn geschafft?
3. Kapitel
Reichenberg, Herbst 1938
Loretta
Schreie. Nicht schon wieder!
Loretta ertrug es nicht länger.
Aufmärsche, Kundgebungen, Fackelzüge. Einmal Henlein-Leute von der Sudetendeutschen Heimatfront, dann tschechische Demonstrationen. Bewaffnete Überfälle, Explosionen, Brandherde, Rauch in der Luft.
Was es wohl diesmal war?
Die lauten Stimmen kamen immer näher. Stiefeltritte. Loretta war in der Bibliothek gewesen, um das neueste Werk über Psychotherapie zu entleihen und wollte nun damit nach Hause gehen.
„Aus dem Weg, Mädchen.“
Ein bewaffneter Soldat tauchte vor ihr auf … keine ihr bekannte Uniform!
Loretta erstarrte, das Herz schien ihr stehenzubleiben, ehe es heftig klopfte.
„Hier gibt’s kein Durchkommen“, schnarrte der Kerl. Kein Hiesiger, so wie er Deutsch sprach.
Aber sie musste doch nach Hause! Sie packte ihr Buch fester und sah die Kolonne an, die die Straße entlang marschierte und näher kam. Im Gleichschritt. Gleich aussehend. Graue Uniformen, die gleichen starren Gesichter, alle mit blitzenden Gewehren. Unendlich viele. Motorisierte Fahrzeuge verpesteten die Luft.
Loretta machte ruckartig kehrt, eilte davon in die Richtung, aus der sie gekommen war. Ein Riesenumweg, so was Dummes. Ihr Herz klopfte immer noch, es dröhnte in ihren Ohren.
Da, am Rathausplatz waren sie auch. Sie wich erneut aus. Landete in der Schückerstraße.
Und dort. Von allen Seiten kamen sie. Noch eine Kolonne. Fußsoldaten, Pferde samt Rossknödeln auf der Straße, Reiter in Uniform mit Säbeln. Panzer. Sie rollten direkt auf Loretta zu. Hakenkreuze und Girlanden über den Geschäften. Ein Schild hing quer über die Straße: Wir danken unserem Befreier.
„Zurückweichen. Sofort!“ Eine Hand an Lorettas Oberarm.
Sie riss sich los. Ein Soldat. Schon wieder einer mit fremdem Akzent. Und Hakenkreuzbinde am Arm. Äußerlich gepflegt, sein Geruch allerdings nicht.
„Oder ich muss Sie verhaften.“
„Die ist doch noch nicht mal volljährig“, meinte ein bartloser Jüngerer neben ihm.
„Stillgestanden. Der Führer!“ Der Ältere hatte sich vor sie geschoben. Würde er … würde er ihr … etwas … antun?
Hinter Loretta immer mehr Menschen, brüllende, jubelnde Leute. Von allen Seiten drängten sie sich um sie herum. Männer trugen Abzeichen am Revers, Frauen warfen den Soldaten Blumen zu. Schade um die schönen Astern! Vor Loretta die Kolonnen, die Fahrzeuge. Hinter ihr und rund um sie die Schaulustigen. Keine Chance, zu entkommen, egal in welche Richtung.
Motorenlärm. Ein Ruck, der durch die Zuschauermenge ging. Massenweise in die Höhe gerissene Arme. Stille. Dann plötzlich Schreie. Irgendwas mit Heil. Wie im Radio, wenn über das Deutsche Reich berichtet wurde. Dröhnen in den Ohren. Neben Loretta ein blasses Gesicht. Eine Frau in Arbeitsgewand, Ölflecken darauf. Ein Taschentuch an den Augen. Der rechte Arm erhoben. Alle gleich, alle, alle gleich.
Und da näherte sich ein Auto, langsam, knatternd. Ein Mann stand darin. Den Arm nach vorn gestreckt. Das musste dieser Adolf Hitler sein. Der Jubel wurde lauter. Hysterisch. Die Masse drängte nach vorne, Loretta wurde gegen die Soldaten gedrückt, die die Straße sperrten. Stinkender Schweiß, Mundgeruch, Kaffee, Alkohol, Leiber überall, die sich an sie pressten.
Es ging weder vor noch zurück. Kaum, dass sie Luft bekam. Sie musste hier weg. Sofort. Irgendwie schaffte sie es, sich geduckt nach hinten zu drängen, zwischen den dicht gedrängten Körper mit ihren Ausdünstungen mehr durchzukriechen als zu gehen. Kassierte Tritte und Rempler.
Endlich.
Endlich frei.
Loretta taumelte davon, das Buch an ihren Bauch gepresst, nur weg hier, weg.
Ein paar Gassen weiter ließ die Lautstärke nach, Loretta lehnte sich heftig atmend gegen eine Hausmauer. Verschnaufen. Sie musste durchhalten! Alles tat ihr weh, erst nach und nach bekam sie wieder Luft. Ihre Finger klebten direkt an dem Einband des Buches. Es durfte nicht schmutzig werden und schon gar nicht verloren gehen! Die Strafe, die sie in der Bibliothek zahlen müsste … und wie peinlich das wäre!
Jetzt der Heimweg. Der Schweiß auf ihrer Stirn trocknete, ihre Hände waren schmutzig, die Kehle trocken und kratzig. Sie hustete. Aber immerhin war sie nicht mehr eingekeilt zwischen fremden Menschen.
Nur nach Hause, nach Hause!
Sie hastete die Straßen entlang, raus aus der Innenstadt. Endlich wurde es leiser, nur einzelne Soldaten standen wachsam herum. Loretta grüßte Pavel, den tschechischen Gemüsehändler, bei dem ihre Familie häufig einkaufte, er winkte mit bedrückter Miene zurück.
Endlich daheim! Durch ein hohes Tor betrat sie den Park, in dem die private Nervenheilanstalt lag, die ihr Vater leitete. Vor ihrem Wohngebäude ließ sich Loretta auf eine Bank fallen. Der Duft nach Herbst, nach feuchter Erde beruhigte sie nur langsam. Die violetten Astern und die Stiefmütterchen, die sie gepflanzt hatte, standen in voller Blüte. Nebenan gackerten die Hühner des Hausmeisterpaares, als wäre nichts. Die tschechische Köchin Hanka kam gerade zurück, mit ein paar Eiern in den Händen, grüßte Loretta und verschwand im Haus.
Die weiße Katze Milena lief auf Loretta zu, sie bückte sich und hob sie hoch auf ihren Schoß. Das Tier ließ es geschehen. Loretta schmiegte ihr Gesicht in das seidig weiche Fell, das sanfte Schnurren übertrug sich auf ihren eigenen Körper, ihr Atem ging endlich langsamer.
Wo war nur das Leben, wie sie es liebte, hingekommen? Die Wanderungen auf den Jeschken, manchmal auch mit der Seilbahn hinauf und zu Fuß hinunter. Blumenpflücken und Feste, bei denen man tanzte bis in den Morgen und Champagner trank, ohne sich vor diesem ‚morgen‘ zu fürchten? Immer ging es nur noch um Politik, um Not und Arbeitslosigkeit, um Deutsche und Tschechen und ihr ungewolltes, angeblich unmögliches Zusammenleben in diesem tschechoslowakischen Staat, um Krisen und Kämpfe.
Die Stimme ihres Vaters Leopold riss Loretta aus ihren Gedanken, leichter Tabakgeruch wehte zu ihr. Sie stand auf und setzte Milena auf der Bank ab. Seine Hand zitterte ein bisschen, als er sie ihr hinstreckte.
Sie erzählte von ihren Erlebnissen in der Innenstadt, von fremdem Militär und ihrer Flucht nach Hause. Das Gefühl von Bedrängnis flackerte wieder in ihr hoch, ließ sie nach Luft schnappen.
„Wir gehören jetzt zum Deutschen Reich“, erklärte ihr Vater seltsam feierlich. „Sie haben sich endlich geeinigt. Unser Sudetengebiet wird deutsch.“
„Und dafür muss jemand einmarschieren?“
„Offensichtlich. Man hat uns Deutschen unsere Rechte, die uns eigentlich seit 1918 zugestanden werden, in diesem Staat der Tschechen und Slowaken vorenthalten“, fuhr ihr Vater fort. „Wir haben nicht gleichberechtigt leben können. Aber damit ist jetzt Schluss.“
„Es wird Krieg geben.“ Loretta merkte, dass sie keine Frage gestellt hatte. Etwas lag in der Luft. „Oder?“, schob sie nach wie in dem verzweifelten Versuch, sich selbst von dem Gedanken abzubringen.
„Ach was, Prinzessin. Die Tschechen müssen nur die deutschen Gebiete räumen bis 10. Oktober“, erklärte ihr Vater. „Das ist kein Krieg, sondern unser Selbstbestimmungsrecht.“
Die Worte beruhigten Loretta kaum, trotz der tiefen Stimme ihres Vaters. Früher hatte er ihr zum Schlafengehen Märchen erzählt, Geschichten von Königstöchtern, Bergmännern aus dem Erzgebirge, und sie war über den Erzählungen über Drachenzähmer und Edelsteine in funkelnden Höhlen immer in eine angenehme Müdigkeit geglitten und hatte großartige Dinge geträumt. Wie sie selbst auf einer Drachin aus der Höhle reiten und die teuren Edelsteine anschließend an die Armen ihrer Stadt verschenken würde. Damit sich Pavel und seine Familie ein Haus mit Garten zulegen konnten zum Beispiel. In dem dann noch viel mehr Erdbeeren wachsen würden, als er im Laden verkaufte.
„Warte ab, Prinzessin. Unsere Leute werden zeigen, was sie können. Dann kann man sie an ihren Taten messen.“
„Sie sind Faschisten“, sagte Loretta bestimmt. „Ich habe gehört, dass einige Sozialisten schon über die Grenzen geflohen sind. Aus Furcht. Und Juden auch.“ Man hatte schon länger über einen Anschluss wie in Österreich gemunkelt.
„Aber Kind. Lass unsere neue Regierung erst einmal arbeiten.“
„Ich würde mich lieber irren“, murmelte sie und hatte schlimme Bilder vor Augen.
„Doktor Popow?“
Loretta schreckte aus ihren Gedanken auf. Ein schlanker blonder Mann, den sie noch nie gesehen hatte, näherte sich zögernd.
„Kollege Patzak!“, rief ihr Vater. „Kommen Sie nur. Loretta, kennst du Marek Patzak schon?“
Loretta schüttelte den Kopf. Neugierig sah sie den jungen Mann mit dem schmalen Bart an. Sein Gesicht war weich, fast zu weich für einen Mann. Und die Augen sanft.
„Unser neuer Arzt, Marek Patzak“, stellte ihr Vater vor. „Meine Tochter Loretta.“
Sie schüttelten einander die Hände. Patzaks Druck war angenehm fest, aber nicht zu fest. Alles wirkte so normal, so harmlos. Als befänden sich nicht deutsche Soldaten in der Stadt, die die Grenzen überschritten hatten.
Etwas in ihren Blicken verhakte sich, rankte sich ineinander. Etwas, das Loretta nicht genau benennen konnte und die Erlebnisse von vorhin in den Hintergrund treten ließ. Sie nahm seine grünen Augen wahr, die kleinen hellbraunen Punkte darin. Ein Lächeln wärmte sie von innen. Endlich ein gutes, ein angenehmes Gefühl, das die Angst schmelzen, sich ein wenig lösen ließ.
Der Doktor sprach mit dem fast unmerklichen Akzent jener, die Deutsch nicht als Muttersprache hatten.
„Sie sind Tscheche?“, sprach sie ihre Vermutung aus.
Marek Patzak lächelte. „Sie haben recht, slečno Loretto, gnädiges Fräulein.“
„Sein Spezialgebiet sind die Kriegszitterer. Du weißt ja, Prinzessin, wie viele ehemalige Offiziere sich bei uns wegen ihrer Nervenleiden aus der Schlacht behandeln lassen“, kam die Stimme ihres Vaters mit einem Räuspern.
Loretta machten diese Patienten manchmal Angst, wenn sie ihr in der weitläufigen Parkanlage begegneten. Sie grüßten freundlich, weil sie die Tochter des Direktors war, stotterten aber so sehr, dass oft alles unverständlich klang. Manche konnten kaum gehen, verloren den Halt und fielen hin. Einer war darunter, der flüchtete schreiend, sobald jemand mit einer schwarzen Mütze seiner Wege kam.
„Wie interessant, Doktor Patzak.“ Sie sah Marek immer noch an. Sein warmes Lächeln, die kleinen Fältchen um seine Augen. Lachfältchen.
„Leider verfügen wir noch nicht über langfristig hilfreiche Behandlungsmethoden.“ Marek sprach klar, bescheiden, aber ohne sich zurückzunehmen. Ihr fiel auf, dass er nicht nach Rasierwasser roch wie so viele andere Männer es taten. Manche zu sehr. „Die Kämpfe arbeiten in den Köpfen der Betroffenen auch nach so langer Zeit noch. Es ist als wären sie in der Situation. Sie haben körperliche und seelische Beschwerden, und wir können ihnen immer noch keine dauerhafte Linderung verschaffen. Bäder oder Beruhigungsmittel helfen nur wenig und nur für kurze Zeit. Und die Elektroschocks … nun, warum sollen diese armen Menschen noch weiter Schmerzen erleiden?“
„Dann kennen Sie sicher diese Ergotherapie?“, fragte Loretta den Arzt aufgeregt. „Könnte das denn eine Alternative sein?“
„Meine Tochter interessiert sich für dieses neumodische Zeug“, warf ihr Vater ein.
„Paps!“
„Ich habe von der Arbeitstherapie nach Hermann Simon gehört“, meinte Marek Patzak, „hatte aber leider noch nicht persönlich die Chance, Genaueres darüber zu erfahren.“
„Loretta möchte sich auf diesem Gebiet ausbilden lassen.“
„Paps!“ Sie konnte doch allein für sich sprechen, Himmelherrschaftszeiten!
„Das ist sicher ein vielversprechendes Vorhaben.“ Marek Patzak klang höflich, aber nicht mehr.
„Doktor Simon setzt sich gegen die passive Verwahrung der Nervenkranken ein. Sie sollen aktiviert werden und …“, sagte Loretta.
„Das ist wirklich ein Feld, das wir weiter bedenken sollten“, meinte Patzak. Er räusperte sich und wandte sich an ihren Vater. „Ich bin eigentlich hier, weil wir etwas, hm, Persönliches besprechen sollten. An diesem … hm … historischen Tag.“
„Ich halte euch nicht ab.“ Loretta setzte sich wieder. Wie sorgenvoll sowohl Marek und als auch ihr Vater seufzten!
„Liberec gehört ja jetzt zum Deutschen Reich“, erklärte der tschechische Arzt.
„In der Tat.“ Ihr Vater nickte. „Unser schönes Reichenberg wird zur Hauptstadt von Deutschböhmen. Sie werden vermutlich für eine Umsiedlung optieren, Kollege Patzak?“
„In der Tat wollte ich Ihnen meinen Abschied anbieten, Herr Direktor. Machen wir es uns leichter. Sie müssen mich nicht kündigen.“
Patzak schien abwartend die Luft anzuhalten.
„Nun, viele Tschechen oder Juden ziehen jetzt weg“, meinte der Vater. „Ich würde es, sagen wir, verstehen.“
„Ich würde eigentlich sehr gern … bleiben.“ Doktor Patzak hatte ein kleines Lächeln aufgesetzt.
„Sie können sich sicher vorstellen, wie ungern ich auf Sie verzichten würde“, erklärte Lorettas Vater bestimmt. „Allein schon wegen der Kranken. Wer kennt sich mit den Zitterern so gut aus wie Sie?“
Marek Patzak wurde glatt rot. „Nun, dann … dann … sind wir uns einig. Ich bleibe selbstverständlich. Habe ja meine Stelle eben erst angetreten.“
„Gut. Somit ist die Sache abgemacht“, brummte ihr Vater. „Und sollten Sie Probleme haben, Kollege Patzak, Sie wissen, wo Sie mich finden. Jederzeit. Sie verstehen?“
„Danke, Herr Direktor.“
Patzaks Augen leuchteten auf. Es war, als würde hier etwas Wichtiges geschehen, etwas, das ihre Zukunft betraf. Sie wusste nur nicht so recht, was das war. Vermutlich seine berufliche Spezialisierung, sagte sie sich. Dann bemerkte sie, dass das aus der Bibliothek ausgeborgte Buch auf dem Erdboden gelandet war. Sie hatte es komplett vergessen. Sie hob es auf und wischte es vorsichtig ab . Dann sah sie nur mehr Mareks Augen mit dem Funkeln darin.